Feb 05

E-mobilität - die Automobilproduktion neu denken?

Herausforderungen und Perspektiven

Eine Podiumsdiskussion mit Philippe Darmayan, Präsident der UIMM, Peter Leibinger, Stellvertretender Vorsitzender der Gruppengeschäftsführung von Trumpf und Christian Peugeot, Präsident des CCFA sowie 150 Gästen.

Was bedeutet der Trend zur E-Mobilität konkret für die Hersteller der Automobilindustrie, wie verändert sie sich durch die neuen Möglichkeiten und Herausforderungen?

Diesen Fragen ging die Expertenrunde beim deutsch-französischen Abend im Automobil-Club in Paris nach. Als stellvertretender Vorsitzender der Gruppengeschäftsführung von Trumpf stellte zunächst Peter Leibinger sein Unternehmen als typischen deutschen Mittelstandsbetrieb mit den einschlägigen Merkmalen dar – trotz der rund 15.000 Mitarbeiter und einem Umsatz von 3,6 Milliarden Euro. So sei Trumpf noch immer in Familienhand, bediene mit der Herstellung von Werkzeugmaschinen und Industrielasern sehr erfolgreich eine Nische und sei ein global agierender Hidden Champion in seinem Bereich. Diese technologische Führungsrolle erreiche es mit einer „Kombination aus langfristigem Denken, dem Fokus auf Innovation, der Fähigkeit zu technischen Partnerschaften mit den Kunden und einem Industrie-Fokus“. In diesem Kontext sei die Bereitschaft zum Reinvestieren von Gewinn sehr wichtig, um Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen, vor allem von Investoren und Banken, zu bewahren. Elektromobilität sei trotz der beträchtlichen Konkurrenz aus Japan, Korea und China eine „einzigartige Chance für die französische und die deutsche Wirtschaft“, so Leibinger. Denn die hiesigen OEM hätten einen außergewöhnlich starken Fokus auf Innovation. Europäische Autobauer lernten, schnell auf wechselnde Nachfragen zu reagieren. Sie verstünden es, hochwertige Autos zu vernünftigen Preisen herzustellen, die auf der ganzen Welt verkäuflich seien. „Nicht zuletzt ist das Netzwerk der Zulieferer und OEM in Europa, und speziell in Frankreich und Deutschland, stärker, enger und innovativer als irgendwo sonst in der Welt.“ E-Mobilität nannte Leibinger eine große Chance und illustrierte dies mit einem Beispiel aus seinem Unternehmen: So mache Trumpf bereits heute mehr Umsatz mit Lasern für die Elektroauto-Produktion als mit Lasern in allen anderen Bereichen der Autoherstellung. Die Führungsposition in dem Bereich erkläre sich unter anderem aus der langen Erfahrung mit der Herstellung von Komponenten für E-Mobilität: So begann Trumpf eine erste Partnerschaft mit einem Unternehmen zur Herstellung für Batterien für Hybrid-Autos in Japan. Eine ähnlich tiefe Erfahrung sehe er auch bei anderen Playern in der europäischen Produktionskette im Bereich der E-Mobilität, so Leibinger. Außerdem erkenne der Markt, dass diese Produktion in Europa stattfinden könne. „Das macht mich hoffnungsvoll, dass Elektromobilität eine europäische Erfolgsgeschichte werden kann.“

Christian Peugeot, Präsident des Verbandes der französischen Automobilhersteller CCFA, betonte, dass der langjährige Renault-Chef Carlos Ghosn stets die große Bedeutung der E-Mobilität für die Zukunft herausgestellt hatte. PSA Peugeot Citroën habe bereits in den 90er Jahren die ersten Elektroautos entwickelt, mit einer vergleichsweise geringen Reichweite und in Pilotstädten wie La Rochelle – „offenbar war es aber zu früh für einen kommerziellen Erfolg, der nicht eintrat“, bedauerte er. Natürliche gehöre die Elektromobilität längst zur Zukunft und müssten alle Autobauer entsprechend investieren, so Peugeot. Er kritisierte aber auch die „abrupte Art und Weise“, mit der diese von Regierungen und Städten eingeführt werde. Ähnlich wie bei Entscheidungen im Bereich der Energieerzeugung – Deutschlands Ausstieg aus der Kernkraft und Frankreichs Kohleausstieg – sei der Hintergrund oft ein politischer, medialer. „Doch man kann noch nicht absehen, in welchem Ausmaß die Kunden Elektroautos auch wirklich kaufen werden.“

Philippe Darmayan, Präsident des französischen Verbands der Metallindustrie UIMM, griff dieses Beispiel aus dem Energiebereich auf, um die Wichtigkeit von Antizipation zu betonen. „Das betrifft die Technologien ebenso wie das Business Modell, die Kompetenzen und die Kunden.“ Diese kaufen nicht mehr auf dieselbe Weise Autos wie früher: Heute gehe es um Mobilität, das Produkt wird zum Service. Betroffen von diesem Wandel seien die Infrastruktur, die Versorgung mit Aufladestationen, eine internationale Strategie auch bei der Herstellung von Batterien sei wichtig.

Bei Trumpf werde man vom Kunden zur Antizipation gezwungen, um in innovative Technologien zu investieren, sagte Peter Leibinger. „Wir brauchen gemeinsam mit der Regierung kreative Lösungen, damit diese die Anstrengungen der Industrie unterstützen kann.“ Während die Europäer in die Elektromobilität investieren, weil sie ein wichtiger Teil der Zukunft darstelle, sei diese für die chinesische Konkurrenz darüber hinaus eine Chance, unabhängiger als bisher von westlicher Technologie zu werden, sagte Christian Peugeot. Diese entwickelten lange ihre Automobilbranche innerhalb von Joint Ventures mit Europäern und könnten sich dank der Welle von Elektroautos davon lösen. Eine eigene Batterieherstellung in Europa wäre allerdings wichtig. „Die Innovation ist noch nicht vorbei. Das Elektroauto muss sich gegenüber seinen Konkurrenten positionieren.“, sagte auch Philippe Darmayan. Tatsächlich sei die Entwicklung von Elektroautos mit Reichweiten von 600 oder 700 Kilometern noch immer in der Anfangsphas. Peter Leibinger zufolge sei es sinnvoll, intelligente Batteriesysteme zu entwickeln: 80 Prozent des Werts einer Batterie basiere auf dem Material, das meist aus chinesischen Minen komme. Es gelte daher, sich auf die verbleibenden 20 Prozent des zusätzlichen Wertes zu konzentrieren und eine schlagkräftige Technologie zu entwickeln. Christian Peugeot gab zu verstehen, dass die Zusammenarbeit mit den Politikern als Auftragsgebern nicht immer einfach sei: So gebe es die vertragliche Abmachung mit dem französischen Staat, in fünf Jahren die Zahl der Elektroautos zu verfünffachen. Im Gegenzug solle der Staat die Rahmenbedingungen für deren Nutzung verbessern – aber komme er dem Versprechen nicht immer nach angesichts fehlender Aufladestationen. Schließlich kam die Frage im Publikum auf, wie in der Zukunft Elektroautos besteuert würden – während der französische Staat deren Kauf heute noch bezuschusst. Christian Peugeot nannte es eine Herausforderung für den Staat, mit der Steuerpolitik Anreize zu schaffen – die Schwierigkeit der Aufgabe werde gerade durch die Bewegung der Gelbwesten in Frankreich illustriert.


Über Philippe Darmayan

Philippe Darmayan, Präsident von ArcelorMittal France, Vizepräsident von France Industrie sowie seit 2015 Präsident des Groupe des Fédérations Industrielles (GFI), wurde im April 2018 zum Präsidenten der UIMM gewählt.

Philippe Darmayan studierte bei HEC Paris und machte in der Metallindustrie Karriere (Kernbrennstoff, Aluminium, Kohlenstoffstahl, rostfreier Stahl). So war er bis 2015 Geschäftsführer von Aperam und von Juli 2015 bis April 2018 Präsident der Alliance Industrie du Futur (ein Verein, dessen Aufgabe ist, die französischen industriellen Anlagen der digitalen Ära anzupassen - equivalent Industrie 4.0). Zuvor war er als Executive Vizepräsident von ArcelorMittal, Mitglied des Konzernvorstands und Geschäftsführer von ArcelorMittal Distribution Solutions tätig.

 

Über Dr.-Ing. E.h. Peter Leibinger

Peter Leibinger erlangte einen Abschluss als Diplom-Ingenieur nach einem Maschinenbaustudium an der RWTH Aachen und wurde 1994 Gesellschafter der TRUMPF GmbH + Co. KG.

Von 1997 bis 1999 war Peter Leibinger als Entwicklungsingenieur bei der Ingersoll Milling Machine Company, Rockford, IL/ USA tätig. 1999 wurde er Chairman und CEO bei TRUMPF, Inc., Farmington, CT/USA, bevor er von 2003 bis 2005 die Funktion von Geschäftsführer der TRUMPF Laser GmbH + Co. KG innehatte.

Dr.-Ing. Peter Leibinger ist seit 2000 Geschäftsführer der TRUMPF GmbH + Co. KG, seit 2003 Vorsitzender des Geschäftsbereichs Lasertechnik und seit November 2005 stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung der TRUMPF GmbH + Co. KG. Zusätzlich ist er als CTO für Forschung und Entwicklung, Vertrieb und Service, Auf- und Ausbau neuer Geschäftsfelder verantwortlich.

Daneben nimmt Dr.-Ing. Leibinger zahlreiche ehrenamtliche Aufgaben wahr.

 

Über Christian Peugeot

Christian Peugeot ist Präsident und CEO des CCFA (Verband der französischen Autoherstellern) seit 2016.

Nachdem er sein Studium in HEC abschloss, übte Christian Peugeot verschiedene Funktionen bei Peugeot und PSA Peugeot Citroën aus.

Nachdem er von 1978 bis 1980 die HR Abteilung Europa von Talbot führte, war Christian Peugeot als General Manager Dealership Saint-Didier Malakoff von 1981 bis 1985 und Area General Manager Normandie von 1985 bis 1988 tätig. 1989 übernahm er die Leitung von Peugeot Deutschland. Danach wurde er VP Marketing (1994-1998), VP Marketing and Quality (1999-2005), VP Communications (2006-2007) und VP Communications and Strategy (2008-2009) bei Peugeot.

Christian Peugeot arbeitete dann für PSA Peugeot Citroën als VP Marketing von 2010 bis 2012 und als Leiter External Affairs and Public Relations Groupe von 2012 bis 2015. Ende 2015 verließ er den Konzern, um sich der Leitung des CCFA zu widmen. Daneben ist Christian Peugeot Präsident des UNIFAB (Herstellerverband für den internationalen Schutz des geistigen Eigentums), SEB-Vorstandsmitglied, Präsident und CEO von AMC Promotion (Organisation des Paris Motor Shows) und Präsident und CEO von AAA Data (Tochtergesellschaft des CCFA).

 

 

 

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